Pforzheimer Zeitung , 21 Juli 2003

Electric Seraphim

Sinnliche Klangwelten
'Electric Seraphim' mit Uraufführungen bei den Maulbronner Klosterkonzerten

 

Mit 'Electric Seraphim', einem Zusammenschluss des Vokalensembles „Singer Pur' und der E-Gitarren-Gruppe 'Go Guitars', präsentierten die Maulbronner Klosterkonzerte sinnliche Klangwelten der besonderen Art. Ungemein interessante, teilweise gewöhnungsbedürftige Musikstücke, die in extravaganter Besetzung geboten wurden oder mit theatralischen Elementen angereichert waren, begeisterten trotz oder gerade wegen ihres forciert zeitgenössisch-modernen Charakters. Rockmusik schien mit klassischen Strukturen kombiniert, musikalische Avantgarde und die Nüchternheit des Chorsatzes der Renaissancezeit wetteiferten miteinander in ausdrucksstarken Kontrasten. Bernhard Weidners in Maulbronn uraufgeführte Komposition 'Schwebende Lerchen' für sechs Vokalstimmen und fünf elektrische Gitarren verknüpfte den verhalten und eher als Geräuschkulisse einsetzenden Gesang mit sanft verschwebenden, auf einzelnen Gitarrensaiten angezupften und elektronisch verstetigten Tönen. Schließlich sorgten immer schärfer gerissene traubige Akkordfolgen der Saiteninstrumente und anschwellendes Singen, das in den fortissimo ausformulierten Rilke-Vers 'Es heben die schwebenden Lerchen mit sich den Himmel empor' einmündete, für einen rauschhaften Höhepunkt. Dann folgte ein Zeitsprung in das 15. Jahrhundert zu Matthäus Pipelares mehrstimmiger Motette 'Memorare Mater Christi', die die sieben Schmerzen Marias thematisiert Die strenge Fügung des Chorsatzes wurde über einer generalbassartigen Gitarrenstimme in der mit andächtigem Ernst vorgetragenen Interpretation großartig und raumfüllend entfaltet Ein Mix verschiedener Lieder aus John Cages 'song books' katapultierte in einer Art Wechselbad die Zuhörer in die musikalische Moderne zurück. Die minimalistischen chorischen und instrumentalen Klangrudimente, die auch auf 'Wandlungen' durch die Seitenschiffe der Klosterkirche mit Zungenschnalzern oder schlegelnden Stimmgabeln erzeugt wurden, verwiesen zugleich aber auch auf die Ursprünge aller Musik. Eine spannende Konfrontation von 'alter' und 'neuer' Musik ereignete sich mit dem Aufeinandertreffen der vierstimmig angelegten Vokalkomposition des Weihnachts-Graduales 'Sederunt principes' von Magister Perotinus, der um 1200 an der Kathedrale Notre-Dame zu Paris gewirkt hat, und deren 'PeroPop'-Version für E-Gitarren von Fredrik Zeller (geboren 1965). Michael Hirschs 2003 vollendeter „Monolog für 5 Electricguitars und 6 Sänger', Arvo Pärts würdevoll wiedergegebenes Glaubensbekenntnis 'Summa' von 1980, Guillaume Dufays 1431 komponierte Arbeit 'Ecciesia militantis' und Carlo Gesualdo da Venosas fünfstimmiges Madrigal 'Languisce al fin', das zuerst in der ursprünglichen A-cappella-Fassung (um 1600) und danach in einer Bearbeitung für fünf E-Gitarren gegeben wurde, bestimmten den zweiten Teil des Klosterkonzerts. Die witzig-verspielte Wiedergabe der 'Ringparabelphonie' von Wolfgang Heisig (geboren 1952) sorgte für einen heiteren Ausklang.

Eckehard Uhlig

 

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