POSITIONEN 48, August 2001 Musica Viva Thumbnail

Lautpoesie/-musik bei musica viva München

 

Manchmal tue er sich ziemlich schwer weiterzumachen, meinte Jaap Blonk vor kurzem. Der Niederländer Blonk ist Lautpoet und Stimmperformer und von denen, die in Europa mit Stimme, Sprache und Vokallauten experimentieren, bestimmt einer der einfallsreichsten und intelligentesten. Doch ob es Sinn macht, ständig nach neuen Stimmlauten zu suchen, daran zweifelt er sehr. Und trifft damit einen wunden Punkt jener Kunst, die man gemeinhin Lautpoesie nennt. Seitdem die russischen Futuristen mit ihrer "Sa-um"- Sprache experimentierten, seitdem Schwitters seine Ur-Sonate schrieb, ist im Grenzbereich zwischen Sprache und Musik so manches passiert. Die französischen Ultra-Lettristen funktionalisierten das gesamte menschliche Geräuschpotential zwischen Atem und Schrei, Carlfriedrich Claus führte in seinen Sprechexerzitien die Stimme auf ihre animalischen Wurzeln zurück.Doch letztlich droht der Lautpoesie die Gefahr, in einer Sackgasse zu landen und sich im effektvollen Experimentieren mit Stimmlauten zu verlieren. Konzerte, Performances mit Lautpoeten werden dann zu selbstverliebten Familientreffen, nett für alle Beteiligten, doch uninteressant für Außenstehende.
Doch das muß nicht sein. Die musica-viva-Reihe des Bayerischen Rundfunks lud am 26. und 27. April neun Künstler aus sechs verschiedenen Ländern zu einer Studioveranstaltung Lautpoesie/-musik. Und dieses Treffen war mehr als eine Bestandsaufnahme. Vielmehr zeigte sich, daß Lautpoesie sich beileibe nicht auf das Ende einer Sackgasse zubewegen muß, sondern in einem Geflecht von Gassen ihr Zuhause finden kann, einem Geflecht, in dem sie auf neue Musik trifft genauso wie auf Rock und Akustische Kunst. Jaap Blonk zum Beispiel arbeitete mit Elektronik, Violine und Schlagzeug und brachte die Klangwelt von Stimme und Instrument dadurch zusammen, daß er die Formanten der Stimme analysierte und daraus die Instrumentalparts erarbeitete. Eine aufgekratzte Interaktion von Instrumentalisten und Stimmperformern (neben Blonk noch Michael Lentz) entwickelte sich daraus.
Michael Lentz wiederum baute -zusammen mit Zoro Babel - aus seiner Stimme, 0-Tönen aus einer italienischen Kleinstadt und E-Gitarren-Sound eine bruitistische Collage; wild, chaotisch, was das klangliche Material und die Performance anbetrifft, klar aber im Verlauf zwischen Verdichten, Ausdünnen, Umkippen. Einen äußerst klugen Effekt lieferte dabei die legendäre Talk-box, ein Gerät, das dem Sprachperformer fremdes Klangmaterial, zum Beispiel den Sound einer E-Gitarre, in den Mund leitet, auf daß er daraus mit Lippen, Zunge, Gaumen den Endklang forme. Die perfekte Schaltstelle zwischen Stimm- und Instrumentalklang.
Beinahe asketisch nahm sich dagegen Valerij Scherstjanoi aus, ihm genügten Samples seiner eigenen Stimme und ein elektronisches Schlagzeug: In aus vollem Halse muß er live gegen den Rhythmus seiner Stimm-Samples artikulieren, kann dabei aber auch noch eigene Samples dazwischenwerfen und wechselt so ständig zwischen der Rolle des Getriebenen und Herausforderers. Da bleibt kein Platz für Selbstverliebtheit. Und auch bei Michael Hirschs Szene aus der Oper Das stille Zimmer war dafür kein Platz, denn diese ist ein imaginärer Dialog, der von zwei Schauspielern präsentiert wird. Kunstvoll balancierte er zwischen nonsens-Lauten und Wortfetzen; ein Drahtseilakt, dem sich in ihren Stücken höchst virtuos auch Amanda Stewart aus Australien widmete.
Das sind Ausblicke, Versuche, Ausbrüche, die das Gesichtsfeld der Lautpoesie weiten. Und in diesem Umfeld geht dann auch von der reinen Konzentration auf die Stimme ein Sog aus. Nicht unbedingt, wenn jemand künstlerische Nabelschau betreibt wie Isabeella Beumer, die sich immer wieder in den technischen Möglichkeiten ihrer Stimme verliert. Aber dann, wenn jemand dieses Kreisen um die eigene Stimme so auf die Spitze, ja ins Absurde treibt wie Fatima Miranda. Miranda ist die Pop-Diva unter den Stimmperformern, zwischen außereuropäischen Gesangstechniken und spröden Knacklauten hat sie eine phänomenale Palette an Möglichkeiten, und die multipliziert sie in bis zu zwölfspurigen Bandaufnahmen. Damit löst sie sich von sich selbst und schafft Raum für Brechungen und Ironie. Die Themen ihrer Stücke sind so banal wie tiefgehend, es können genauso Kriegserfahrungen sein wie die Erkenntnis, daß Mann und Frau nie wirklich zusammenkommen. Vielleicht gibt es nicht mehr viele neue Stimmlaute zu entdecken. Aber viel aus- zudrücken mit dem Entdeckten läßt sich nach wie vor.

Miriam Stumpfe

 

 
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