Süddeutsche Zeitung, Dienstag, 06.November 2001

Wild und lebendigMusica Viva

Riedls "Klang-Aktionen" -
wieder einmal ein beglückender Abend neuer Musik

Alle Jahre wieder streut der ironische Sybarit, Komponist und Organisator Josef Anton Riedl Sand ins Münchner Konzertgetriebe, und dann knirscht das erst so richtig schön und gut.
"Klang-Aktionen" heißen diese Festivals jener wahren Musik, die vom Betrieb meist verschwiegen wird. Warum? Weil da manchmal Dinge herauskommen, die wacher, wilder und beglückender sind als all die tote Musik, die in den anderen Konzertreihen der Stadt so gern reanimiert wird.So nun auch im Abschlusskonzert der "Klang-Aktionen '01" im Carl - Orff - Saal, wo Riedl zwei eigene Uraufführungen mit der berühmten "Glossolalie" seines Freundes und Weggefährten Dieter Schnebel zusammenspannte.
Jan Philip Schulze sitzt wie mit 1000 Volt geladen am Klavier und drischt herbe Metren in die Tasten. Doch die Gestik des frech Rhythmischen quillt bald übers Instrument hinaus, greift auf den Körper des grandiosen Pianisten über. Er beginnt auf dem eigenen Leib zu schuhplatteln, er entfesselt ein stets ironisches Ritual der Verrenkungen als Hommage an die Musik. Anbetung will das signalisieren und nimmt sich doch immer wieder selbst auf den Arm. Musik als existentielle Notwendigkeit, aber immer lustvoll bewusst um die Gefährdung dieses Lebenskonzepts: "Ausfluss, Niederschlag, Spur, Nachhall".
Ebenfalls ein Parcours der Auflösung in "hängenbleiben, sich drehen, mahlen, (durch)hecheln, Geäst" für fünf E-Gitarreros ("GO GUITARS"), angeführt von Harald Lillmeyer. Wieder ist es der einheitlich hingewuchtete Schlag, der an Konzentration verliert, sich verläuft, aufdröselt.
Die acht Berliner Maulwerker, inszeniert von Anna Clementi, treiben dann mit "Glossolalie 2001" Gesellschaftsspott um Couch und Sessel, setzen abstrakte Sprachtheorien um in Tänzch ein Musikreminiszenzen, reine Form,subtil gehaltene Spannungsbögen, Siebziger-Jahre- Klamotten, spielerische Meisterschaft, sängerischen Wahnsinn und die reine Lust am so fetzigen wie musikalisch abstrakten Theater. Was die Berliner hier treiben (Premiere war vor einem Jahr), ist ganz, ganz großes Szenenereignis, völlig stimmig und schlicht hinreißend.

REINHARD J. BREMBECK

 

Zurück