Süddeutsche Zeitung, Montag, 10.Juni 2002

Musica Viva Musica Viva

Dichtes Geflecht

Die zweite Studioveranstaltung der musica viva im Carl-Orff-Saal verknüpfte die Schwerpunkte Emigration und Komposition für "Volksmusik"-Instrumente. Im ersten Teil galt das Interesse besonders Christian Wolff. Der 1934 in Nizza geborene Sohn des legendären Verlegerpaars Helen und Kurt Wolff lernte früh John Cage kennen. Inzwischen ist Wolff, einst Benjamin des musikalischen abstrakten Expressionismus, dessen wichtigster lebender Protagonist. Er hatte zwei Werke mitgebracht: Ein Duo für Viola und Altzither (Kelvin Hawthorne und Georg Glasl) schöpft sein Tonmaterial aus dem titelgebenden Gedicht "She Had Some Horses" von Joy Harjo. Das Soloakkordeonstück "Balancing" bedient sich eines Folk-Songs und fand in Teodore Anzelotti einen beseelten Interpreten. Wolff scheut eingängige Melodiereste und konsonanteHarmonien nicht, obwohl seine Musik, die sich rhythmisch schwebend und farbig wie Fischschwärme in einem Aquarium bewegt, nie konventionell tonal klingt. Neben dieser gleichsam Pessoa-artigen Fülle der Charaktere hatten es James Dillons formalistisch konzipierte "TwoStudies" für Akkordeon schwer. Während die erste Studie Griffolgen gleichzeitig auf der rechten " Tastatur" und der linken "Tabulatur" des Instruments virtuos zur Toccata schichtet, versucht die zweite komplementär dessen "Hälften" über changierende Klänge zu verschmelzen.
Zu Beginn präsentierte die Mezzosopranistin Katalin Karolyi mit dem Percussion Art Quartet den von ihr 2000 aus der Taufe gehobenen Zyklus "Sippal, dobbal, nadihegedüvel" von György Ligeti auf Gedichte von Sandor Weöres. Die witzigen und aufwändig instrumentierten Miniaturen bleiben leider ohne Kenntnis des Ungarischen ein halbes Vergnügen.
Iris ter Schiphorsts "My Sweet Latin Lover" für verstärkte Soloflöte, Sample Keyboard, zwei Schlagzeuger und E-Gitarren-Quintett ( Go Guitars ) beschloss das Konzert mit einem fulminanten Erfolg. Das introvertiert-lichte Klangband, in das die Flöte und Kurztexte eingebettet sind, wird gelegentlich durch gezackte Attacken aufgebrochen. Schiphorsts unwohlige Idylle schreibt intelligent an Zappas Erbe weiter.
Im Spätkonzert ....

ANTON SERGL

 

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