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Gunnar Geisse : YGGDRASIL

Yggdrasil (1995-97)
für vier (4, 6, 12, 231) E-Gitarren
24' 24''
 
 
1. Zeit-Räume
2. Impuls-Wahrscheinlichkeit
3. Struktur-Simulationen
4. System-Komplexität
 
4' 08''
2' 39''
8' 37''
9' 00''

"... Das All ist ein gewaltiger Baum, der wächst und lebt: Yggdrasil, die Weltesche. In ihrem Wipfel hängen strahlende Früchte: die Sterne ... Ihrem gewaltigen Stamm zu Füßen aber sitzt Mimir am Brunnen der Weisheit - und wohnen die Nornen. Es sind ihrer drei: Urd, Werdandi und Skuld ... Sie aber sind ewig, wie die Esche Yggdrasil immer grün ist; ihre Ratschläge fallen, wie die Tropfen fallen vom Wipfel Yggdrasils in die Täler der Erde: der Tau."

In der Edda, der nordischen Mythologie, ist Yggdrasil der Name des Weltenbaumes, der durch neun Welten hinaufwächst und der Sitz der Nornen, Schicksalsgöttinnen für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist.

Yggdrasil ist der zentrale Teil eines dreiteiligen Zyklus', der Dem Unaussprechlich-Erfahrbaren gewidmet ist.

Die Komposition thematisiert, untersucht und interpretiert - unter anderem mit Hilfe von mathematischen Instrumenten der Komplexitätsforschung, sogenannten zellulären Automaten - interdisziplinäre Strukturbildungs- und Auflösungsprozesse und deren Simulation.

Ursprünglich für vier elektrische Gitarren gedacht, ist das Stück schon am Ende des zweiten Satzes unterbesetzt; im dritten nur mit 12 Gitarren spielbar, schnellt die Besetzungsstärke im vierten auf über 200 Instrumente.

Ausgehend von einem einleitenden ersten Satz, in dem das rudimentäre musikalische Material vorgestellt wird - es sind dies vor allem aus Tonhöhenmengen topologisch generierte Skalen, die sich in Raum und Zeit differierend ausbreiten - entdeckt der zweite Satz die ersten wahrscheinlichkeitsabhängigen Impulse in einer Art Evolution der Töne. Der dritte Satz entwickelt nun, auch unter Verwendung der weiter oben erwähnten zellulären Automaten, kleinere zusammenhängende Strukturen, während sich im vierten Satz schließlich ein ganzes System von Prozessen entfaltet, überlagert und beeinflusst; hier kommen auch Tonsysteme wie das Achtelton- und ein Partialtonsystem (alias Lambdoma) zum Klingen.

Durch das gemeinsame Interesse an interdisziplinären Strukturprozessen in komplexen Systemen entstand innerhalb eines Seminars an der Otto-von-Guericke Universität in Magdeburg am Institut für Experimentelle Physik der Abteilung Nichtlineare Phänomene die Idee einer künftigen Zusammenarbeit.

Arbeits- und Forschungsgrundlage bildete dabei die Strukturvisualisation per Computersimulation und die Darstellung in Raum-Zeit-Diagrammen.

Die computergesteuerte Klangvisualisierung ist einerseits der zyklische Versuch, musikalisch kompositorische Strukturprozesse in Beziehung zu den mathematischen Instrumenten zu setzen, mit deren Hilfe sie auch entwickelt wurden und möchte andererseits dem Betrachter die potentielle Möglichkeit bereitstellen, interdisziplinäre Strukturanalogien assoziativ zu entdecken und vernetzen.

Zu Yggdrasil IV (System-Komplexität) im besonderen :

Ein achteltöniges "micro-System" (potentielle Tonhöhendifferenz 25 Cent), das gleich zu Anfang zu hören ist und eins der vier miteinander verknüpften Tonsysteme repräsentiert, stellt die Brownsche Molekularbewegung musikalisch dar. Komponiert wurde mit einem zwei-dimensionalen zellulären Gittergasmodell mit Margolus-Nachbarschaft und periodischen Randbedingungen - d.h. Partikel, die über das gesteckte Gitter hinausschießen, finden sich am gegenüberliegenden Ende wieder ein - das tatsächlich zur Simulation Brownscher Bewegung , bzw. zur Beschreibung von Strömungsverhalten von Flüssigkeiten und Gasen dient. Andere Assoziationen von raum-zeitlichen Massenbewegungen sind willkommen.

Zu Beginn des Satzes werden nur zwei Partikel in ihrem Verhalten verfolgt. Als beide in Tonhöhe und Zeit zusammenprallen, wird das Licht auf ein übergeordnetes System, das "Medio-System", geworfen. Dieses wurde mit Hilfe mehrerer eindimensionaler Zellular-automaten komponiert. Zelluläre Automaten sind mathematische Instrumente der Komplexitätsforschung zur Simulation von Strukturprozessen in verschiedenen Disziplinen.

Einige Beispiele: Wie entstehen die biologischen Muster auf dem Fell eines Zebras? Wie entwickeln sich Waldbrände und Epidemien? Wie verhalten sich soziale Systeme im Hinblick auf ihre Solidarität, ihre Risikobereitschaft und ihre Dynamik? Was bringt das menschliche Herz dazu von einer unerwartet hochfrequenten Schwingung plötzlich in eine völlig irreguläre Aktivität überzugehen? Wie entstehen Sandrippel einer Düne und welche Strukturen nehmen sie an, wenn der Wind über sie hinwegbläst?

Die zellulären Automaten im "Medio-System" sind einerseits klanglich gekennzeichnet durch clusterartige, im Tempo leicht schwankende Pulsperioden, andererseits durch staccatisierte, gedämpfte Töne, beide jedoch temperiert halbtönig; während die einen sich als klangfarbliche Abgrenzung zu den übrigen Tonsystemen verstehen, legen die anderen ihren diffundierenden raum-zeitlichen Weg im "micro-System" zurück. Dergestalt liefert das "Medio-System" die Tonhöhen für das "micro-System".

Das "MACRO-System", ein drittes Tonsystem, das gleich dem Sternenhimmel überdachend in großer Höhe und räumlicher Tiefe glockig aufleuchtet, nimmt sich des Teilton-Feldes, bei Harmonikern auch Lambdoma genannt, an. Dabei werden die rationalen Zahlen der Partial-tonmatrix nicht nur in ihre Frequenzen, die als Flageoletts gespielt werden, sondern auch in ihre eigene immanente Rhythmik umgesetzt: 7/3 als Frequenz eines Grundtons und 7 gegen 3 als Rhythmus eines Grundtempos. Zusätzlich gleicht hier das Panorama der Mischung dem griechischen Buchstaben Lambda.

Das finale "pARA-System" verbindet "MACRO-System" und "Medio-System", ist Bindeglied zwischen sphärischen und irdisch groben/nichtmikrokosmischen Strukturen. Auch dieses System zeichnet sich durch die Benutzung von natürlichen, gitarrenspezifischen Flageoletts aus, allerdings werden sie hier mit ausgezeichneten Spieltechniken wie tremolo, glissando, vibrato, crescendo etc. kombiniert, d.h. 'verschmutzt', emotionalisiert und dadurch auch spannungsintensiviert.

In der Coda kulminieren die Partikel in Zeitraffer, explodieren und werden in ihre eigene Geschichte entlassen, extensiv und - mit einem Gedankenstrich am Schluß.

Gunnar Geisse

 

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