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Iris ter Schiphorst: My Sweet Latin Lover

Musica Viva 07.06.2002

Meret Forster: Ausdrucksmöglichkeiten zwischen den Medien, den Stilen, zwischen Schrift und Klang, Hören
und Sehen, kurz: das >Dazwischen< hat es Ihnen angetan. Inwiefern haben Sie in dem Stück »My Sweet Latin
Lover« einmal mehr Zwischenräume ausgelotet?

Iris ter Schiphorst: Bei diesem Stück interessierte mich weniger ein Grenzbereich zwischen den Medien als
vielmehr diese sehr seltsame Besetzung: ein Gitarrenquintett, eine Flöte, zwei Schlagzeuger, die übrigens
sehr unspezifisch Schlagzeug spielen, und ein Keyboard, das noch eine Schnittstelle zu neuen Medien ist.
Vom Keyboardspieler werden vorproduzierte Samples abgespielt, die kalkulierbarer sind als der Gitarrensound.
Denn die E-Gitarre ist als Instrument ein absolutes Chamäleon, weil jeder Gitarrist seine eigene E-Gitarre
hat, seinen eigenen Sound und einen eigenen Verstärker. Wenn man für fünf E-Gitarren schreibt - also für
ein großes Chamäleon - kann dabei etwas ganz anderes herauskommen, als man sich zunächst vorgestellt hat.
Insofern bleibt die Partitur relativ offen, auch wenn alles genau notiert ist.

Forster: War Ihnen der wechselseitige Austausch mit den Intetpreten daher von Anfang an besonders wichtig?

Schiphorst: Eine Zusammenarbeit ist in jedem Fall wichtig. Aber ich wollte ein Stück schreiben, das die
Phantasie der Gitarristen anregt und sie nicht verzweifelt nach der 125sten Zehntelsekunde irgendeines
Delay-Klangs suchen lässt. Die Musiker sind ausdrücklich dazu aufgefordert, den von mir möglicherweise
intendierten Klang selbst zu imaginieren und mit ihrer eigenen künstlerischen Phantasie herzustellen.
Man kann den Klang dieser Instrumente einfach nicht gut genug >vorausberechnen<, um genau die passende
Notation zu finden.

Forster: Spielten in Ihrer Klangvorstellung populärmusikalische Hintergründe eine Rolle?

Schiphorst: Früher habe ich in der Rockmusikviel mit E-Gitarre zu tun gehabt. Da hat dieses Instrument eine
ganz besondere Funktion und einen sehr eigenen Sound. Jetzt wollte ich andere Ausdrucksmöglichkeiten finden,
also genau das vermeiden, was E-Gitarristen in der Regel leicht fällt: schrille und heftige Effekte. Alles
soll hier sehr leise und zart sein, vor allem aber äußerst skurril, so dass man vielleicht den Klang eines
verfremdeten Orchesters erahnen kann.

Forster: Ging es Ihnen also vor allem darum, das Klischee des »Latin lovers« musikalisch zu entlarven?

Schiphorst: Oh, ja! Die Flötistin spricht oder singt stellenweise einen Text, einen kleinen verrückten
Liebessong. Schon das ist eine ironische Art von Minnegesang. Es wäre letztlich allzu komisch, wenn man
bei fünf E-Gitarristen tatsächlich lateinamerikanische Musik erwarten würde !

Forster: Die Flötistin flüstert »my sweet Latin lover, someone is waiting for you«, dann »my sweet Latin lover,
someone is playing with you« etc. Haben Sie dem Stück eine Geschichte zugrundegelegt?

Schiphorst: Ja, da gibt es eine Geschichte. Die Flötistin spricht diesen Text gleich einer Sängerin, und es
kommen noch zwei alte englische Liebesgedichte von Thomas Moore und William Blake dazu. Aber den Ausgang der
Geschichte möchte ich vorneweg nicht verraten. Der Text »Lösch die Lupinen Schnür Deine Schuh« wird vom Band
per Tastendruck abgerufen. Dabei handelt es sich um ein kurzes Zitat aus dem Gedicht Die gestundete Zeit von
Ingeborg Bachmann. Ich habe diesen Text immer schon geliebt und finde ihn in diesem Zusammenhang eigentlich
viel zu dramatisch. Aber die Latin lover-Geschichte ist im besten Fall eine ironische Geschichte, hinter der
sich noch ein ganz anderes Gesicht verbirgt.

Forster: Es ist ein sehr zartes Stück geworden, das im Ungewissen verklingt. Dennoch gibt es im letzten Drittel
eine Beschleunigung mit unisono-Skalen. Können Sie einen formalen Gesamtplan ausmachen?

Schiphorst: Von einem formalen Konzept zu sprechen, fällt mir mit Blick auf meine eigenen Arbeiten immer
unglaublich schwer. Ich wollte hier eine Steigerung haben und irgendwann diese Unisonoläufe mit vielen
Gitarren, also einen Aufbau, der von anfänglich sehr leisen Gesten zu den Skalen führt und dabei von der
latin lover-Geschichte angetrieben wird. Es gibt dann auch eine Art Kulminationspunkt. Aber ich möchte
nicht, dass der Textinhalt übermächtig wird. Sonst ist gleich die Rede von einer Vertonung. Und was die
Harmonik betrifft, so kann ich nicht erklären, warum ich das hier so oder so gemacht habe.

Forster: Entwickelt sich die Form also spontan aus dem Material heraus?

Schiphorst: Das ist von Stück zu Stück unterschiedlich. Meistens fange ich einfach an, und oft bleibt der
Anfang letztlich ein Schlüsselteil im Gesamtverlauf. Es ergibt sich eine Art Materiallogik, die das, was
ich vorher empfinde, transportieren kann. Ich gehe immer mit einem Grundgefühl und bestimmten Klang-
vorstellungen an die Arbeit. Die latin lover-Geschichte kam mir hier tatsächlich erst beim Komponieren.
Das klingt banal, aber als ich eines Morgens aufgewacht bin, wusste ich, dass das Stück »latin lover«
heißen muss. Und nach einigem Hin und Her habe ich mich für dieses Thema entschieden. Dann bin ich auf
Textsuche gegangen, wobei es mir nie um eine Textillustration, sondern vielmehr um eine bestimmte Atmosphäre
ging. Allein die Instrumentalbesetzung ist völlig absurd und amüsiert mich sehr. Ich hoffe, dass das auch
beim ersten Hörerlebnis so bleibt...

 

Das Interview führte Meret Forster am 11.05.2002

 

Iris ter Schiphorst

Iris ter Schiphorst

Iris ter Schiphorst wurde 1956 in Hamburg geboren. Sie ist als Komponistin Autodidaktin.
Nach der Ausbildung zur Pianistin an der Hochschule für Musik in Bremen beschäftigte sie
sich zunächst mit Rock- und Elektronischer Musik und spielte als Bassistin und Schlagzeugerin
in diversen Rockbands. In diesem Umfeld entwickelte sie ihre ersten eigenen Stücke.
1984 siedelte sie nach Berlin über und fing an, sich mit Neuer Musik zu beschäftigen.
Sie besuchte Seminare u. a. bei Dieter Schnebel, Luigi Nono und Helga de la Motte-Haber.
1990 gründete sie das elektroakustische Ensemble "intrors", in dem sie selbst Klavier und
Keyboard spielt, und das ausschließlich ihre eigenen Werke aufführt.
1992 gewann sie den ersten Preis beim dritten Kompositionswettbewerb für Synthesizer-und
Computermusik. In den folgenden Jahren erhielt sie im Rahmen der Künstlerinnenförderung
der Berliner Senatsverwaltung diverse Projektförderungen und Stipendien und gewann 1997
mit "intrors" den internationalen Kompositions- und Interpretenwettbewerb "Blaue Brücke"
für ihre multimediale Kammeroper Silence moves. Seit 1996 arbeitet sie auch mit dem
Komponisten Helmut Oehring zusammen.
Gemeinsame Kompositionen wurden bei den Wittener Tagen für Neue Kammermusik [1997],
beim Festival Wien modern [1996] und beim Pariser Herbst [1998] sowie mehrfach bei
den Donaueschinger Musiktagen aufgeführt. Iris ter Schiphorst ist Mutter eines Sohnes.
Sie hält regelmäßig Vorträge, schreibt Artikel und Essays und promoviert an der Humboldt
Universität Berlin bei Christina von Braun über das Thema >Musik und Schrift<.
Werke [Auswahl]: »Der Blick des Ohrs« für; Darsteller, Bassklarinette, 8-Spurtonband [1995],
»Eden cinema« für präpariertes Klavier und Sampler [1996], »Silence moves« für Stimme, Violine,
Violoncello, E-Bass, präp. Klavier, Zuspielbänder, Videoinstallation [1997], »Requiem« für 3
Countertenöre und Instrumentalensemble [zusammen mit H. Oehring, 1998].

 

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