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Fredrik Zeller : Mal Strom - mal kein Strom / Neufassung 2002

Ausschnitt anhören : Zeller : Mal Strom - mal kein Strom
Musica Viva

Michael Zwenzner: In einem deiner frühen Programmhefttexte ist die Rede von >Fliehkräften, die alles Gesagte
sogleich ins Uneigentliche wenden und auf diese Weise garantieren, dass das Missverständnis auf ewig über dem
Verstehen thronen wird.< Ist das Sprechen oder Schreiben über deine Musik etwas, das du eher ablehnst?

Frederik Zeller: Nein, gar nicht. Ich werde jetzt auch über Musik sprechen. Aber ich tue das am liebsten konkret,
am Notentext. Dann haben wir alle etwas davon. Darüber hinaus kann ich allerdings nicht viel sagen, weil mir die
Perspektive, die Rezeptionsperspektive fehlt. Die kann man von mir nicht erwarten, außer bei Stücken, die jetzt
zwanzig Jahre alt sind. Und was das Schreiben angeht: Das ist noch mal schlimmer, weil man alles fixieren muss.
Ich schreibe gerne Programmhefttexte, ich habe da so ein Computerprogramm, das mir Zufallszahlen ausspuckt, und
ich fülle gerne zwei Seiten mit individuell herausgesuchten Zufallszahlen...

Zwenzner: Das sollte also nicht darüber hinwegtäuschen, dass du jemand bist, der auch in seinen Stücken stark
diskursiv arbeitet...

Zeller: Das habe ich schon immer so gemacht. Diskursiv in dem Sinn, dass das Stück sich selber beobachtet,
also mit sich selber arbeitet. Bestimmte Dinge passieren, und dann gibt's andere, die sich einer diskursiven
Logik folgend daraus ergeben. Etwa in meinem neuen Stück Anschlag für das Beethovenhaus: Da gibt es mit
Beethoven schon die Gemeinsamkeit der >Durchführung<. Obwohl das Stück durch die gesampelten Muezzin-Rufe
auch etwas Plakatives hat. Aber so etwas muss immer formal aufgehen, sonst wäre es nur eine Art Werbegraphik.
Je riskanter das durch den Titel aufgerissene Assoziationsfeld ist, desto interessanter die Arbeit.
Weil du es schaffen musst, dass alles musikalisch >sitzt< und als Stück funktioniert. Das ist die Herausforderung.

Zwenzner: Du nennst Mal Strom - mal kein Strom eine >Kammermusik< für fünf elektrische Gitarren. Damit
ist ebenfalls ein weites Assoziationsfeld eröffnet. Einerseits enthält derTitel bereits eine Spielanweisung
an die Musiker. Andererseits gibt es auch Bezüge zur Musik eines anderen Komponisten, durch den Untertitel
>Kammermusik< auch zu einer alten musikalischen Tradition, verkörpert etwa durch das Streichquartett.
Was war die Inspiration, dieses Stück zu schreiben, auch diesen Titel zu wählen?

Zeller: Zum Untertitel >Kammermusik<: Ich habe Harry Vogt vom WDR damals den Vorschlag einer Kammermusik
für fünf E-Gitarren gemacht. Die Idee fand ich gut, weil diese Besetzung die Kammer eher auseinander nimmt,
weil mir der Begriff der Kammermusik - was da eben oft geboten wird an kleinen unschuldigen Kompositionen - sehr
suspekt ist. Kammermusik hat so etwas Besinnliches, etwas, das einen nicht behelligt und das ist für mich ein Problem.
Dabei liegen die fünf Musiker mit dem was sie tun absolut zwischen den Genres: Wenn sie ohne Strom spielen, ist das
eine absolut kammermusikalische Situation. Aber wenn sie den Strom anschalten, dann ist es damit ganz schnell vorbei.
Der andere Bezug: Vor einigen Jahren habe ich Malstrom für Orchester von Hanspeter Kyburz gehört. Ich habe ihm damals
gesagt, dass mich sein Stück sehr inspiriert hätte. Er hat sich für Malstrom bestimmter mathematischer Verfahren bedient,
so dass der Titel wohl auch anders hätte lauten können. Der Literaturbezug zur gleichnamigen Erzählung Edgar Allen Poes
war dann hinterher gewählt, schätze ich mal. Dann dachte ich: Okay, jetzt nehmen wir den Titel beim Wort, machen >mal Strom<,
aber auch >mal keinen Strom<. Die Musiker schalten den Strom immer wieder an und aus.

Zwenzner: Der kompositorische Umgang mit fünf E-Gitarren stellt eine große Herausforderung dar. Gefordert
ist ein möglichst triftiger Umgang mit den schier unbegrenzten klanglichen Möglichkeiten einer E-Gitarre
mitsamt ihren Effektgeräten. Wie war deine erste Reaktion auf die Anfrage nach einem Stück fiir diese Besetzung?
Welchen eigenen Bezug hattest du zur E-Gitarre, bevor du dieses Stück geschrieben hast?

Zeller: Ich war erst einmal skeptisch. Es ist nicht einfach, auch nur für eine E-Gitarre zu schreiben.
Die E-Gitarre hat das Problem, dass ihre Klangmöglichkeiten relativ beliebig sind: Was ist schon eine
E-Gitarre ? Man kann alles mit ihr machen oder gar nichts. Und daher verfiel ich auf die Idee mit dem
an- und abgeschalteten Strom, denn das ist eine Essenz des Instruments. Ansonsten ist die Anzahl instrumentaler
und elektronischer Effekte eher beschränkt. Mein Stück benötigt lediglich einen Verzerrer, Volumenpedale und
E-Bows [elektrische Bögen], um lang gehaltene Töne zu ermöglichen. Und das war's. Flanger, Delays oder ähnliches
werden nicht verwendet. Ich selbst komme eher von der Geige. Aber die Gitarre ist nicht so fremd: Da gibt es
auch ein Griffbrett, nur die Technik der rechten Hand ist anders. Da kommen auch immer die meisten Klagen...

Zwenzner: Spielen in deinem Stück die populärmusikalischen Hintergründe der E-Gitarre eine Rolle? Lax gefragt:
Wie viel ]imi Hendrix schwingt mit? Inwieweit versuchst du mit diesem Aspekt kompositorIsch umzugehen.
Zum Beispiel gibt es in deinem Stück ein Pink Floyd-Zitat.

Zeller: Wenn die ganze Rockmusik nicht immer im Viervierteltakt stehen würde und nicht immer so verdammt tonal
wäre, dann hätte ich viel weniger Probleme damit. Und erst das Lächerliche an diesem Liedergesinge...Aber so
manche Klänge gefallen mir. Die lasse ich dann auch gerne zu, wenn sie sich kompositorisch sinnvoll integrieren
lassen. Und wenn sie sich aus dem Spiel mit dem Instrument ergeben, dann klingt das eben zufällig wie ein
Rockgitarren-Riff... Warum nicht ?
Manchmal steuert man es auch an, hat das von vornherein im Auge, wie etwa das Pink Floyd-Zitat.

Zwenzner: Ich habe den Eindruck, dass die E-Gitarre mitsamt ihren Hilfsmitteln ein ausgesprochen heikel zu
spielendes Instrument ist, das eine mental wie körperlich sehr flexible Virtuosität erfordert, da ja nicht
nur die Saiten zu bearbeiten sind. Wo lagen denn die besonderen Schwierigkeiten bei der Arbeit am Stück?
Gab es für dieses Stück wichtige kompositorische verfahren, die du beschreiben könntest?

Zeller: Ich habe von dem Stück nach den Erfahrungen der ersten Aufführungeneine Neufassung erarbeitet.
Da ging es unter anderem etwa darum, ob der E-Gitarrist per Fußpedal seinen Verzerrer exakt auf das
zweite Sechzehntel anmacht oder -mit etwas mehr Spielraum -auf das erste Sechzehntel. Solche schwierig zu
realisierenden Sachen habe ich pragmatisch herausgefiltert. Außerdem habe ich Zeitverläufe gestaucht oder
gedehnt, manche Sachen auch rausgeschmissen. Da wo ich mir sagte; " Das klingt gut - warum nicht mehr davon ? "
habe ich das ohne weiteres verlängert.
Allerdings liegt dem Stück eine Zahlenreihe zugrunde, die quasi wiederholt wird, also orientiert an einem
Rechenverfahren zur Annäherung an exakte Lösungen. Diese stetig wiederholte Reihe aus Zufallszahlen hat eine
bestimmte Amplitude. Nun werden immer neue Zufallszahlen eingestreut, die dann die Amplitude erweitern. Dieses
Verfahren bildet die Grundlage für alle Intervalle, Zeitabschnitte und so weiter. Wissenschaftlich ist das
selbstverständlich nicht haltbar. Im Bereich der Tonhöhen hat dieses Verfahren zum Beispiel zur Folge, dass
sich die melodische Bewegung im Umfang einer großen Terz abspielt, und durch zufällige Zahleneinsprengsel
manchmal nach oben oder nach unten ausbricht. Auch kann diese große Terz ihrerseits gemäß der Zahlenreihe
nach unten oder oben verschoben werden, wobei die Binnenbewegung sich ihrerseits nach den Zahlen richtet.
Zunächst war es so, dass die Zahlenreihe praktisch über die ganzen zwanzig Minuten projiziert wurde.
Das habe ich dann in der Neufassung immer wieder pragmatisch durchbrochen. Wenn der Klang mehr Zeit braucht,
und die Zahl sagt, das darf nicht sein, dann muss man die Zahl eliminieren.
Die Ausgangsidee des Stücks war übrigens folgende: Wenn man fünf elektrische Gitarren hat, die nicht verstimmt
sind, dann gibt es zunächst einmal die Leersaiten [von unten nach oben]: E- A -d -g -h -e [bis auf die Terz g - h
alles Quarten]. Und wenn du jetzt die obere Saite [also das e] weglässt, dann die Terz g - h eliminierst, indem
du stattdessen die Quart g - c greifst, hast du einen Fünfklang, den man viermal chromatisch verschieben kann,
ohne absolute Tonhöhen zu verdoppeln. Mit fünf Gitarren lässt sich so über zwei Oktaven ein komplettes chromatisches
Feld aufbauen. Solche chromatischen Flächen werden wiederum gemäß der Zahlenreihe nach unten oder oben verschoben.
Es gibt dann dramaturgische Entscheidungen: z. B. wenn ein nach oben herausstechendes gis ein Echo in einer
anderen Stimme erhält. Warum ich das gemacht habe ? Ich habe es halt so gemacht.

Zwenzner: Die Tonhöhen- und Zeitstrukturen, die auf der Zahlenreihe beruhen, entsprechen also einer Ebene, auf der
ein Diskurs stattfindet, es klare Entwicklungen gibt. Über diese Ebene wird dann die Idee des >Mal Strom, mal kein
Strom< sozusagen drübergestülpt. Ist das als Störeffekt intendiert?

Zeller: Nein, eher als konstruktiver Effekt. Der Plan war: Man macht irgendetwas, das in sich geschlossen abläuft,
und darüber macht man sozusagen >das Licht an< und wieder >aus<. Die fünf Musiker spielen ihren gitarristischen
Part also unabhängig von der Stromzufuhr für ihren Verstärker. Außerdem wird zwischen dem Anschalten und dem
Einfaden [per Volumenpedal] unterschieden. Als verbindendes Moment gibt es jedoch auskomponierte dynamische
Bezüge, etwa wenn das Instrument mit Verstärker so laut sein soll, wie das angeschlagene Fortissimo einer
Saite ohne Strom. Da steht dann zwar >mit Strom<, aber klingen soll es ppp. Die dynamischen Relationen sind also ganz klar.

Zwenzner: Wie fügt sich das Pink Floyd-Zitat ins Stück?

Zeller: Das Zitat stammt aus dem Album Wish you were here, Shine on you grazy Diamond heißt das Stück, glaube ich.
Die Einleitung fand ich immer faszinierend, eine Zeit lang zumindest. Die Wiederholungen stören mich dann immer.
Aber im Kleinen ist das gar nicht schlecht gemacht. Ich habe nur den ersten Akkord verwendet. Dabei beziehen sich
die Tonschritte des Zitats genau auf meine Zahlenreihe, das heißt sie ergeben sich folgerichtig aus dem Vorhergehenden.
Und auch was danach kommt, entspricht genau der Ordnung der Zahlenreihe. Ich habe das Zitat also bewusst angesteuert,
das ist klar. Sonst gibt es keine konkreten Zitate.

Zwenzner: Wie würdest du den musikalischen Verlauf des ganzen Stücks beschreiben?

Zeller: Die Stromzufuhr wird zunächst eher blockartig, später dann individuell [also bezogen auf die Einzelstimmen]
behandelt, d. h. es gibt eine Art Polyphonie. Insgesamt kehrt sich dabei das Verhältnis zwischen den Phasen mit
Verstärker und den Phasen ohne Verstärker allmählich um. Anfangs werden Töne gespielt, währenddessen setzt aber
immer wieder der Verstärker aus. Am Ende ist der Strom die ganze Zeit an, nur dass jetzt die Töne fehlen.
Und wenn die Töne fehlen und der Strom an ist, dann rauscht es... eigentlich! Damals, als ich jung war,
war das noch so... Da haben die Verzerrer noch gerauscht. Jetzt rauscht es nicht mehr. Deshalb muss man das
Rauschen jetzt irgendwie anders erzeugen...

Zwenzner: Man benötigt also gewissermaßen eine historische Aufführungspraxis...

Zeller: [lacht] Genau. Da muss man alte Verzerrer verwenden...

 

Das Interview mit Fredrik Zeller wurde von Michael Zwenzner am 21.02.2002 auf Schloss Solitude geführt.

 

FREDRIK ZELLER

1965
1984
1990
 
1997-1999
geboren in Stuttgart
Abitur
Musikstudium an der Musikhochschule Stuttgart Violine bei Susanne Lautenbacher.
Komposition bei Erhard Karkoschka und Helmut Lachenmann
Aufbaustudium Komposition bei Hans Zender an der Musikhochschule Frankfurt.

PREISE UND STIPENDIEN:

1991
1992
1995

1995/96
1999
2000/2001
2000
Stipendium der Kunststiftung Baden - Württemberg
Stipendium der Heinrich Strobel Stiftung des SWF.
1. Preis im Kompositionswettbewerb des Tonkünstlerfestes Baden - Württemberg
1. Preis im Kompositionswettbewerb der Stadt Stuttgart
Aufenthalt in der "Villa Massimo" in Rom
1. Preis im Kompositionswettbewerb der Stadt Saarbrücken
Stipendiat der Cité des arts in Paris
Stipendiat der Solitude in Stuttgart


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