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ELECTRIC GUITAR MUSIC

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Fredrik Zeller :  Wachstum,
                             Concerto grosso für 5 E-Gitarren mit Orchester [2002],
                             Kompositionsauftrag der musica viva - Uraufführung

Musica Viva
28.10.2005



Herkulessaal der Residenz
    2.musica viva Veranstaltung [Abonnement]
    Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
    Leitung: Franck Ollu

 

DEM GROSSEN SCHWAMMSPINNER AUF DER SPUR

           Sie erwähnten einmal, dass Ihnen bei Ihrer eigenen Musik die Rezeptionsperspektive 
           fehlt- wie dem Konzertbesucher bei einer Uraufführung zunächst einmal auch - und 
           Sie deshalb nicht viel über Ihre Musik sagen können.
           Man kann nur spekulieren... Selbst wenn wir einmal einen pseudowissen-
           schaftlichen Ansatz versuchen, -man teile den Rezipienten ein nach Bil-
           dungsstand, Erfahrungshorizont, Sensibilität usw. - wäre es wahrscheinlich
           unmöglich die Wirkung meiner Komposition auf eine bestimmte Person zu
           beschreiben. Hierzu wäre am ehesten die Person selbst in der Lage. Ich kann
           weder viel darüber sagen, wie das Stück aufgenommen wird, noch als was es
           verstanden wird oder was es für die Anderen darstellt. Allerdings bin ich
           Experte bezüglich der Machart des Musikstückes. Das heißt, was ich vermit-
           teln kann ist, wie das Stück gemacht ist. Aber das ist in seiner Genauigkeit nur
           selten von Interesse.
           Um Missverständnissen vorzubeugen, habe ich mich längere Zeit geweigert,
           meine Musik zu kommentieren. Als Nicht-Kommentar habe ich im Begleit-
           heft zu einer CD nur Zufallszahlen abdrucken lassen. Aber das war kein gro-
           ßer Erfolg.
      
           Weil zu viele Fragen offen blieben?
           Die Leute haben es leider einfach hingenommen.

           Ihr neues Stück für fünf elektrische Gitarren und Orchester haben Sie mit Wachstum 
           überschrieben und den Untertitel »Concerto grosso« hinzugefügt. Der Titel Wachs-
           tum,fünf E-Gitarren und die alte musikalische »Concerto grosso«-Tradition - wie 
           treffen diese Assoziationsfelder aufeinander? Welche Ausgangsidee regte die Kompo-
           sition an?
           Ich übersetze »Concerto grosso« nur in dem Sinne, als dass es in dem Stück
           mehr als einen Solisten gibt, eben eine Solistengruppe mit fünf elektrischen
           Gitarren. Darüber hinaus assoziiere ich mit Concerto grosso Musik von Georg
           Friedrich Händel, also eine bestimmte Figuration mit repetitivem Charakter.
           Mein Stück ist im Jahr 2002 entstanden. In dieser Phase meines Lebens ver-
           suchte ich, mathematische Verfahren in Musik umzusetzen. In Wachstum
           handelt es sich um die >Wachstumsgleichung< von Pierre François Verhulst
           [1845], die für gewöhnlich am Beispiel des großen Schwammspinners, einer
           Raupenart, verdeutlicht wird. Die Entwicklung der Population wird durch
           die Iteration dieser Gleichung beschrieben. Der hierbei entstehende Graph
           hat erstaunliche Eigenschaften, weil er sich - abhängig vom Wert eines be-
           stimmten Faktors - grundsätzlich unterschiedlich verhält. 
           Als Möglichkeit ergeben sich: Steigung, die sich auf einem bestimmten Ni-
           veau einpendelt; Steigung, die in chaotischem Hin und Her endet; oder aber
           Steigung, die in eine konstante Pendelbewegung mündet. Wenn man letz-
           tere Zick-Zack-Kurve in Tonhöhen überträgt, ergeben sich quasi-barocke
           Figurationen, wie man sie in einem Concerto grosso von Händel finden
           könnte.

           Haben Sie die Tonhöhen solch einer Ftguration am Computer gemäß der Wachstums-
           kurve errechnet?
           Ich habe ein kleines Computerprogramm geschrieben, das die Iteration - also
           die Kurve - berechnet. So habe ich bestimmte Werte erhalten, die sich dann
           beliebig skalieren lassen.
           Wachstum dauert zwanzig Minuten. Jede halbe Sekunde wird der Faktor (r)
           der Verhulstschen Gleichung ( y = rx (1- x) ) um einen konstanten Wert höher
           gezogen, so dass ich beispielsweise zu jedem Zeitpunkt die Kurve befragen
           konnte, welche Tonhöhen jetzt geschrieben werden könnten.

           Welche Instrumentengruppe diese dann übernimmt, lag im Bereich der freien
           Erfindung...
           Ja, den gibt es schließlich immer noch... Das Interessante ist allerdings, wel-
           che Fragen man an welcher Stelle stellt. Man kann die Kurve gleich einem
           Orakel grundsätzlich zu Allem befragen, was man zuvor skaliert hat. So kann
           man sich natürlich auch die Frage beantworten lassen, welche Instrumente
           spielen, vorausgesetzt, die Instrumente sind vorher durchnummeriert.

           Alles geht ohne großes Innehalten oder eine Untergliederung durch, gleich einer aus-
           komponierten Stetgerung...
           Die Musik fängt bei Null an, wächst so ungefähr bis zu einem Plateau, wo man
           »chaotisches Verhalten« beobachten kann. Dieser Zustand des Chaos hat
           auch sein Abbild in der klanglichen Dimension. Gemeint ist der Klang der
           E-Gitarren unter Einwirkung der Verzerrer. Bis zu einem gewissen Punkt mag
           der grobe Verlauf des Stückes auch an die Konzeption des Ravelschen Bolero
           erinnern... Die Musik steigert sich zumindest bis zu einem großangelegten
           Gitarrenglissando im letzten Drittel des Stückes. An dieser Stelle wird der
           »Schieberegler« vorgeführt, der ja auch im Verborgenen die Anlage des Gan-
           zen durch den Faktor (r) steuert. Die Konstruktion wird Gestalt.

           Der reduzierte Beginn des Stückes ist unter dem Gesichtspunkt der Wachstumsidee
           demnach programmatisch gewesen. Die fünf E-Gitarren spielen unisono einen Ton...
           Das Stück entsteht aus dem Staub, der irgendwie sowieso in der Luft hängt.
           Da ist zum Beispiel die Tonhöhe E. Sie ist so eine Art Grunddisposition der
           Gitarre: Man schaut eine Gitarre nur an und hört ein E. Insofern ist es nahe-
           liegend mit dieser Tonhöhe zu beginnen. Ab hier dehnen sich die Intervalle
           aus, beginnend mit kleinsten Tonhöhenverschiebungen im Mikrointervall-
           bereich. Nach ungefähr 50 Sekunden, erklingt eine erste Tonhöhenkurve im
           Marimba, die schnell wieder auf ihren Anfangswert zurückfällt.

           Können Sie das Wechselverhältnis zwischen Orchestergruppen und Gitarren-
           ensemble beschreiben?
           Die Gitarren sind durchweg als Gruppe gedacht -als ein einziges Mega-
           Instrument. Sie ergänzen sich gegenseitig. Ab und zu sticht die »mittlere«
           Gitarre [Nr.3] etwas hervor. Es wird das Verhältnis der Gitarren untereinander
           definiert, und das der Gitarren als Gruppe zum Orchester, welches sich wie-
           derum in verschiedene Gruppen unterteilt. Die Solistengruppe ist also auch
           eine spezifische Orchestergruppe.

           Hat beim Komponieren die Rücksprache mit den Interpreten eine wichtige Rolle
           gespielt?
           Die spieltechnischen Möglichkeiten der Solistengruppe waren mir bereits
           vertraut, da ich das Vergnügen hatte, das Ensemble Go Guitars aus einer
           vorigen Arbeit bereits zu kennen. Dieses Mal habe ich mir selbst noch eine
           E-Gitarre gekauft und das eine oder andere ausprobiert. Während meines
           Stipendiatenjahres auf Schloss Solitude war der Go-Gitarrist Gunnar Geisse
           mehrfach vor Ort. So konnten wir uns austauschen.

           Sie haben für das Gitarrenensemble Go Guitars das Stück Mal Strom - mal kein
           Strom geschrieben. Da spielte der popularmusikalische Hintergrund der E-Gitarre
           eine Rolle, indem Sie ein Pink- Floyd-Zitat eingebaut haben. Wie war das dieses Mal?
           Ein unmittelbares popularmusikalisches Zitat habe ich dieses Mal nicht auf-
           genommen. Es gibt allerdings beispielsweise eine Passage, die sehr »funky«
           klingt. Aber hier ist das als ein Resultat zu sehen. Die Wachstumskurve hat an
           dieser Stelle eben eine rhythmische Faktur ergeben, in der ich solche An-
           klänge zu entdecken meinte. Das habe ich dann natürlich verstärkt.

           Inwieweit spielt Ironie eine Rolle in diesem Stück?
           Jaja, da mag am Rande schon Ironie mitschwingen... Wachstum scheint ja im
           Bereich der Politik unglaublich wichtig zu sein. Mein Stück rechnet eben
           damit, dass es ein kontinuierliches Wachstum nicht gibt, bzw. dass dieses
           aufgrund von Rückkoppelungseffekten genau so gut irgendwann im Chaos
           enden kann. Man mag darin im Kontext des Wirtschaftswachstums eine sys-
           temkritische Anmerkung sehen.

           Verstehen Sie Ihre Arbeit als gesellschaftlich motiviert?
           Man kann für meine Arbeit insofern von gesellschaftlicher Motivation spre-
           chen, als dass sie Gedanken aufnimmt, die »in der Luft« liegen, zur Zeit mehr-
           heitlich gedacht werden. Es entstehen auf diese Weise Assoziationsfelder und
           musikalische Verfahren, die sich um einen Begriff gruppieren. In diesem
           Bereich bewegt sich dann die Erfindung der Musik. Wachstum ist vermutlich
           ein Teil einer ganzen Werkgruppe, deren zentraler Begriff, sowohl ein [mathe-
           matisches] Verfahren zur Erzeugung von Musik, als auch einen irgendwie
           soziologisch gearteten Aspekt umschreibt.
           2002 entstand ein Stück mit dem Titel Anschlag, dessen perkussive Dynamik
           wunderbar mit den Einzelteilen eines Muezzinrufes korrelierte, sowie ein
           Orchesterstück mit Namen Entkommen [2003), in dem so ein christlicher
           Himmelfahrtsaspekt mit einer mathematischen Frage zusammengedacht
           wurde: Wie verhält sich ein bestimmter Wert unter einem Graphen bei Itera-
           tion: Entkommt der Wert nach Unendlich, oder ist er Teil der Gefangenen-
           menge?
           Zur Zeit schreibe ich ein Stück für Klavier und Orchester mit dem Titel
           Abdruck. Hier geht es auch um einen Mozart-Bezug: Ein Klavierkonzert von
           Mozart hat einen Abdruck hinterlassen. Tasten werden am Klavier niederge-
           drückt und hinterlasseneinen akustischen Abdruck, den Ton... In diesem
           Stück arbeite ich zwar noch mit Zahlen als Material-Generator, aber nicht
           mehr mit konkreten mathematischen Kurven. Diese Phase habe ich wahr-
           scheinlich im Zuge der Arbeit an meiner Oper Zaubern[2004)erst einmal hin-
           ter mir gelassen.

           Viele Ihrer Stückttitel kennzeichnet eine große Bildlichkeit, etwa Spalt [1997/98]
           Aufgewirbelt [1997]oder Ornament [1996]. Stehen solche Titel bereits vor dem
           Kompositionsprozess fest ?
           Wenn es gut läuft, imaginiert man die Landschaft des Musikstücks oder die
           Entscheidung für ein kompositorisches Verfahren gleichzeitig mit einem
           Titel. Im Fall von Wachstum wollte ich von Anfang an mit der Verhulstschen
           Kurve arbeiten. Insofern stand der Titel von Beginn an fest.
    

Meret Forster im Gespräch mit Fredrik Zeller

 

FREDRIK ZELLER

FREDRIK ZELLER

Mathematische Formeln und physikalische Prozesse sind seine Inspirationsquelle. Strengen, formalen Strukturen
ein Maximum an Expressivität abzugewinnen, ist für Fredrik Zeller ein wichtiger Aspekt des Komponierens.
Der gebürtige Stuttgarter studierte von 1985 bis 1990 an der Musikhochschule seiner Heimatstadt Violine bei
Susanne Lautenbacher sowie Komposition bei Erhard Karkoschka und Helmut Lachenmann. 1997 bis 1999
folgte ein Aufbaustudium bei Hans Zender an der Musikhochschule Frankfurt. Seit 1984, dem Jahr seines
Abiturs, werden die Kompositionen Fredrik Zellers auf namhaften Festivals aufgeführt, angefangen von dem
Forum junger deutscher Komponisten über die Stuttgarter Tage für neue Musik, das Gaudeamusfestival
Amsterdam und die Wittener Tage für neue Kammermusik bis hin zur Musikbiennale Berlin, der musica
viva München und den Schwetzinger Festspielen. Fredrik Zeller hat mehrere Preise und Auszeichnungen
gewonnen: die Stipendien der Kunststiftung Baden-Württemberg und der Heirich Strobel Stiftung des SWF
[1991 und 1992], die ersten Preise der Kompositionswettbewerbe des Tonkünstlerfestes Baden-Württemberg
[1995] sowie der Städte Stuttgart [1995] und Saarbrücken [1999]. Außerdem war er Stipendiat der Villa Massimo
in Rom [1995/96] und der Akademie Schloss Solitude [2001/2002]. Im Mai 2005 wurde sein Bühnenwerk
Zaubern, ein Stück über die vier Grundübel der Menschen - Dummheit, Armut, Krankheit und
Unfruchtbarkeit -, bei den Schwetzinger Festspielen uraufgeführt.



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