Die Kameraseite kann zweimal herausgezogen werden, so dass sich eine Länge von fast drei Metern ergibt. Auf der anderen Seite wird eine Stange für das Gegengewicht herausgezogen. Für eine drehfertige Sony PD 150 sind das 10 kg in Form einer gängigen Hantelscheibe aus dem Sportbedarf. Über ein Seilzugsystem kann der Kamerawinkel eingestellt werden. Während des Kranens kann dieser Winkel wahlweise fixiert (so dass die Kamera z.B. immer waagrecht bleibt) oder verändert werden. Auch weiche Schwenks sind mit dem Kran möglich. Nach zwei- dreimaligem Üben ist das System in wenigen Minuten installiert. Dazu sind weder Hilfskraft noch Werkzeug erforderlich. Etwas Übung braucht es, damit das Kranende mit der Kamera nicht nachschwingt. Aber das hat man schnell im Griff. Ein ideales und mit ca. 1.500 € auch relativ preiswertes Gerät für unseren Zweck, einen Spielfilm zu drehen.

Die erste Szene, die wir am Montag in München damit drehten, war ein voller Erfolg. Eine Romansequenz im Film sollte vor einem verwunschenen Haus stattfinden. Eigentlich wollten wir im Nymphenburger Park das so genannte hölzerne „Hexenhäuschen“ drehen, das den königlich-bayerischen Prinzen als Spielhaus diente. Eine ganz bescheidene Hütte im Vergleich zum Schloss, vor dem diese Woche 2.000 Gäste den Geburtstag von Bayern-Herzog Franz feierten (für das königstreue Bayern offensichtlich ein Staatsakt, das Bayerische Fernsehen änderte sein Programm und übertrug die Party über sechs Stunden lang live). Von uns verlangte die staatliche Schlösserverwaltung 500 € für eine Drehgenehmigung, und da mussten wir verzichten. Guerilla filming wollten wir in diesem Falle ausschließen, also einen Dreh ohne Genehmigung. Das geht in den meisten Fällen gut. Bevor irgendwelche Parkwärter, Bodyguards oder Polizisten etwas merken, haben echte Guerilla-Filmer ihren Job schon erledigt und sind wieder verschwunden. Ohne Not sollte man sich aber besser keinen unnötigen eventuellen Ärger aufhalsen. Wir haben natürlich keinen Location scout, der uns rasch eine Alternative ausguckt. Aber zum Glück fanden sich nette Freunde mit einem idealen Haus, wo wir drehen durften. Vier Einstellungen sollten es werden, davon eine mit dem Kran und eine mit DVSteadycam. Es gelang perfekt in einer halben Stunde. Die ganze Sequenz wird im fertigen Film etwa 30 Sekunden ausmachen.

Auf unserer Geräteliste mit allem benötigten Equipment, die wir für den Dreh angefertigt haben, steht auch ein ebenso kleines wie nützliches Zubehör, das für die Arbeiten mit dem Kran unerlässlich ist: Zoe, eine Eigenentwicklung von Bebob-Chef Pierre Boudard. Das Teil ist eine Kamera-Fernbedienung und steuert über Lanc alle wichtigen Kamera-Funktionen. Eine Version für Panasonic DVX100 ist ebenfalls verfügbar (Panasonic verwendet aus patentrechtlichen Gründen eine andere Steuerungs-Software in den Kameras als Sony & Canon). Die Kamera kann mit Zoe ein- und ausgeschaltet werden, die Aufnahme lässt sich starten und stoppen. Zoom und Focus werden mit einer Wippe gesteuert, die extrem präzise und absolut professionell ist. Auch die Funktion push auto ist möglich. Wir haben unseren bisher verwendeten Schwenkarm mit einer Sony-Steuerung in einen hinteren Regalwinkel verbannt...

Unser Gepäck wird immer umfangreicher. Die Taschen und Koffer passen gerade noch in den Kofferraum eines Mittelklasse-Pkw. Mit dabei ist auch eine Kamera-Tasche von Kata, die ebenfalls Bebob vertreibt und die wir bei dem Dreh testen wollen. In verschiedenen praktischen Details unterscheidet sie sich von unserer bisherigen Kamera-Tasche. Keiner weiss, wo das ganze Reisegepäck der Beteiligten verstaut werden soll.

Seit dem letzten Tagebuch sind aufregende Tage vergangen. Alle Mitwirkenden haben ja auf ihre Gage verzichtet. Was aber, wenn plötzlich ein einträgliches Engagement winkt? Dieser worst case trat prompt ein. Fieberhaft wurde nach einer Umbesetzung gesucht. Wir hätten einen Ersatz gefunden (den Namen der freundlichen und hilfsbereiten Kollegin möchte ich an dieser Stelle nicht nennen), aber die Zeit für die Einarbeitung in die Rolle wäre sehr knapp. Also haben wir einen anderen Weg probiert. Alle Szenen wurden genau disponiert. Heraus kam ein Drehplan, der mit Ach und Krach auch ohne Umbesetzung zu schaffen ist. Aber es dürfen keine Regentage oder andere Widrigkeiten unsere Aufnahmen verzögern. Wir hoffen, dass alles gut geht. Tatsächlich ist dies das größte Handicap einer Low-Budget-Produktion. Fällt jemand aus, ist gleich das ganze Projekt gefährdet. Andererseits schlägt das große Engagement aller Beteiligten positiv zu Buche. Jeder arbeitet intensiv mit an dem Projekt Hey!.

Plötzlich haben wir Glück im Unglück. Die Ramada-Hotelkette spendierte uns Zimmer für vier Personen und zwei Nächte. So können wir den Dreh am Lago Maggiore zwei Tage früher beginnen als ursprünglich geplant. Mit der Paketpost tauchte noch ein anderes Problem auf: In der Handlung spielen zwei gleiche Sonnenbrillen eine bestimmte Rolle. Wir hatten uns ein extravagantes Modell im Internet ausgesucht, es ist von Prada. Heute kamen die Brillen aus Italien über den hiesigen Repräsentanten an. Sie sind tatsächlich so super wie auf der Abbildung. Die herbe Enttäuschung: Für die leihweise Überlassung sollen wir 170 € zahlen. 500 € haben wir für den Posten Requisiten kalkuliert. Brillen sind darin nicht vorgesehen. Also zurück damit – wenn auch mit einem weinenden Auge. Stattdessen zwei Griffe in die Sommerschluss-Grabbelkiste. Fenster schließen